Mit 57 noch einmal bei Null anfangen: Warum es für einen Neuanfang nie zu spät ist
30 Jahre Vertrieb, Auswanderung nach Norwegen und eine neue Herausforderung als Geschäftsführer einer CrossFit-Box: Dirk Görner zeigt, warum Veränderung keine Frage des Alters ist und warum manchmal ein Gefühl mehr zählt als der perfekte Plan.
Mit 54 Jahren wagte er gemeinsam mit seiner Familie einen kompletten Neuanfang in einem fremden Land. Doch damit nicht genug: Zusätzlich zu seiner Selbstständigkeit als Coach für Sales und Führung stellte er sich mit 57 noch einmal einer völlig neuen beruflichen Herausforderung – als Geschäftsführer eines Fitness- und Sportbetriebs in Norwegen. Dabei lief längst nicht alles nach Plan – und genau das macht seine Geschichte so spannend.
Ein persönliches Interview über Motivation, Mindset, berufliche Veränderungen, den Mut, gewohnte Wege zu verlassen, und die Kunst, immer wieder neu anzufangen.
Warum ich Euch heute Dirk Görner vorstellen möchte
Manche Menschen begleiten einen über viele Jahre – beruflich und persönlich. Dirk Görner ist für mich so jemand. Wir kennen uns seit rund sechs Jahren als Freunde und Geschäftspartner, hatten immer wieder spannende Gespräche, einen offenen Austausch und haben uns gegenseitig unterstützt. Umso interessanter finde ich seinen Weg: Nach 30 Jahren im Vertrieb ist er mit seiner Familie nach Norwegen ausgewandert und startet mit 57 beruflich noch einmal völlig neu durch. Seine Geschichte zeigt, dass Veränderung keine Frage des Alters ist.
Deshalb habe ich Dirk eingeladen, seine Erfahrungen und Gedanken mit uns zu teilen. Nicht nur über das Auswandern, sondern vor allem über persönliche Weiterentwicklung, berufliche Veränderungen, Motivation und die Frage, was uns eigentlich davon abhält, neue Wege zu gehen.
Zwei Neustarts in einem Leben
Marcel: Dirk, wir kennen uns inzwischen schon einige Jahre. Aber für alle, die Dich noch nicht kennen: Wer ist Dirk Görner?
Dirk: Ich bin Dirk, 57 Jahre alt, komme aus Deutschland und lebe seit drei Jahren mit meiner Familie in Norwegen. 30 Jahre war ich im Vertrieb unterwegs, heute leite ich eine CrossFit-Box in Haugesund.
Zwei Neustarts in einem Leben. Der erste war der Umzug, der zweite der Beruf.
Ich mag Bewegung und Entwicklung. Daher kommt wahrscheinlich auch meine Neigung zu Sport und Vertrieb.
Manchmal weiß das Gefühl mehr als der Verstand
Marcel: Mit 54 Jahren mit der Familie nach Norwegen auszuwandern, ist ein ziemlich großer Schritt. Du selbst nennst es weniger mutig als vielmehr folgerichtig. Wann entstand dieses Gefühl: Da will ich hin?
Dirk: Im September 2021 war ich das erste Mal für drei Wochen in Norwegen.
Schon am ersten Morgen nach dem Aufwachen hatte ich dieses Gefühl: Das fühlt sich gut an.
Viel mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, obwohl ich diese oder ähnliche Fragen öfter gestellt bekomme.
Aber vielleicht ist genau das der Beweis dafür, dass diese Entscheidung einem Gefühl entsprungen ist und nicht dem Verstand.
Marcel: Besonders spannend finde ich Deinen Gedanken „nicht weg von, sondern hin zu“. Was bedeutet das für Dich persönlich?
Dirk: „Hin zu“ ist für mich immer eine Veränderung aus Leidenschaft. „Weg von“ ist eine Veränderung aus Leidensdruck.
Ich hatte in meinem gesamten Leben den Komfort, Dinge verändern zu können, obwohl es eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre.
Das war bei beruflichen Wechseln so, aber auch beim Schritt in die Selbstständigkeit oder beim Auswandern.
30 Jahre Erfahrung und trotzdem wieder Anfänger
Marcel: Nach rund 30 Jahren Vertrieb noch einmal bewusst etwas Neues zu beginnen: Wie schwer ist es, trotz so viel Erfahrung wieder Anfänger zu sein?
Dirk: Neue Dinge zu lernen gefällt mir. Und neue Menschen kennenzulernen finde ich total spannend.
Schwierig finde ich vor allem, die eigene Erfahrung manchmal bewusst zurückzuhalten.
Was meine ich damit?
Nicht sofort aufgrund der eigenen Erfahrungen und Verhaltensweisen zu handeln, sondern wirklich erst einmal zu sehen und zuzuhören.
Wir sind oft sehr schnell im Bewerten. Und darunter leidet das Wahrnehmen.
Vom Vertriebstrainer zum Geschäftsführer einer CrossFit-Box
Marcel: Jetzt folgt der nächste Schritt: vom Vertriebstrainer zum Geschäftsführer eines Fitness- und Sportbetriebs. Warum hast Du Dir gedacht: Genau das mache ich jetzt?
Dirk: Eigentlich hat meine Frau den Job für mich gefunden.
Sie hat die Stellenanzeige entdeckt und mir mit den Worten „Ich habe Deinen Traumjob gefunden“ weitergeleitet.
Ich habe mich dann nur noch beworben.
Sport und Vertrieb sind meine Leidenschaften. Und bei CrossFit Verftet kann ich beides verbinden.
Gleichzeitig ist es für mich auch ein weiterer Schritt, in der norwegischen Gesellschaft anzukommen.
Marcel: Was aus 30 Jahren Vertrieb kannst Du direkt in Deine neue Rolle mitnehmen – und was musst Du vielleicht komplett neu lernen?
Dirk: Zuhören ist im neuen Job genauso wichtig wie im Kundengespräch. Fragen stellen auch.
Das Wissen über Akquise, Nachverfolgung und die Customer Journey ist definitiv hilfreich.
Komplett neu lernen muss ich natürlich noch die Grundlagen von CrossFit. Als Geschäftsführer leite ich auch den einen oder anderen Kurs.
Und wie für jeden Arbeitnehmer gilt auch für mich: neue Prozesse, neue Abläufe, neue Kaffeemaschine. 😉
Was Vertrieb und Sport gemeinsam haben
Marcel: Was kann ein Vertriebstrainer einer Sportcommunity beibringen – und was kann eine Sportcommunity einem Vertriebstrainer beibringen?
Dirk: Aus dem Vertrieb bringe ich mit, wie man mit Rückschlägen umgeht, ohne aufzuhören, und wie man ein Team auch dann führt, wenn es gerade nicht läuft.
Das hilft im Training genauso wie im Verkauf.
Oft ist es auch wichtig, kleine Fortschritte zu würdigen, statt immer nur auf die nächsten zehn Kilo Gewicht zu schauen.
Umgekehrt lerne ich in der Box, dass eine starke Community oder ein starkes Team den Einzelnen unglaublich beflügeln kann.
Und eine weitere Erkenntnis, die nicht neu ist, sich aber bestätigt hat: Feedback muss sofort kommen.
Die Korrektur einer falsch ausgeführten Übung ist übermorgen sinnlos.
Wenn der große Plan plötzlich nicht mehr funktioniert
Marcel: Gab es irgendwann einen Moment, in dem Du dachtest: „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Und was hat Dich trotzdem weitermachen lassen?
Dirk: Unsere ursprüngliche Businessidee hat sich ein paar Tage vor dem Auswandern 2023 quasi in Luft aufgelöst.
Direkt nach unserer Auswanderung haben wir knapp sechs Monate auf einem Campingplatz gewohnt.
Ständig waren wir von Touristen und Menschen umgeben, die uns ihre eigenen Auswandererpläne erzählen wollten.
Das sind dann schon Momente, in denen man vieles infrage stellt.
Trotzdem hatten wir immer die Zuversicht, dass alles klappen kann und wir die Dinge geregelt bekommen.
Und der eingeschlagene Weg hat sich weiterhin richtig angefühlt.
Ist Sicherheit der größte Gegner von Veränderung?
Marcel: Viele Menschen versuchen mit zunehmendem Alter eher, das Erreichte abzusichern. Ist Sicherheit manchmal der größte Gegner von Veränderung?
Dirk: Ja, ich glaube, das Gefühl von Sicherheit ist oft der größte Gegner von Veränderung.
Das Beibehalten von Gewohnheiten und Routinen gibt Sicherheit. Das Gehirn fühlt sich wohl, denn die Anstrengung ist überschaubar.
Das Loslassen des Alten ist psychologisch betrachtet viel herausfordernder als der Beginn von etwas Neuem.
Leider kommt Sicherheit oft von außen: Job, Hobby, Partner und so weiter.
Bei mir ist es anders.
Sicherheit finde ich auch gut. Aber ich habe gemerkt, dass echte Sicherheit nicht von außen kommt.
Nicht vom Titel, nicht vom Vertrag, nicht von der Position.
Sie kommt davon, dass ich weiß, was ich kann.
Wenn ich mich weiterentwickle, gibt mir das viel. Auch Sicherheit.
Norwegen: Weniger Karriere, mehr Lebensqualität?
Marcel: Was hat Norwegen mit Deinem Blick auf Arbeit, Erfolg und Lebensqualität gemacht?
Dirk: Da kann ich erst auf drei Jahre Erfahrung zurückblicken und möchte mich nicht als Experte bezeichnen.
In Norwegen ist die Arbeitskultur oft ruhiger und die Menschen definieren sich weniger über ihren Job.
Lebensqualität hängt nicht nur an Karriereschritten, sondern auch an Dingen wie Natur, Ruhe und Zeit mit der Familie.
Bei den Punkten Arbeit, Erfolg und Lebensqualität bezeichne ich mich noch als Schüler und möchte einiges von der norwegischen Kultur übernehmen.
Besonders beim Thema Erfolg denke ich mittlerweile etwas um.
Im Vertrieb bist Du es gewohnt, Ziele und Zahlen zu erreichen und im nächsten Jahr noch eine Schippe draufzulegen.
Mittlerweile gelingt es mir besser, auch den Weg zu genießen, kleine Erlebnisse zu schätzen und öfter im Hier und Jetzt zu sein.
Aber es ist definitiv noch Luft nach oben. 😉
Was würde Dirk seinem 40-jährigen Ich raten?
Marcel: Wenn Du heute Deinem 40-jährigen Ich begegnen würdest: Welchen Rat würdest Du ihm geben?
Dirk: Lebe öfter, statt immer nur an die Arbeit und den nächsten Entwicklungsschritt zu denken.
Der perfekte Zeitpunkt kommt nicht
Marcel: Und zum Abschluss: Was würdest Du jemandem sagen, der schon seit Jahren spürt „Eigentlich möchte ich etwas verändern“, aber immer noch auf den perfekten Zeitpunkt wartet?
Dirk: Ich würde sagen: Der perfekte Zeitpunkt kommt nicht – ein guter Zeitpunkt ist heute.
Aber lieber würde ich es in eine Frage verpacken. Das regt zum Nachdenken an:
Du hast bestimmt schon größere oder kleinere Veränderungen umgesetzt.
Wie hast Du für Dich entschieden, dass jetzt der Moment war, statt noch länger zu warten?
Mein Fazit: Veränderung beginnt nicht mit dem perfekten Plan
Was ich an Dirks Geschichte besonders spannend finde, ist nicht allein die Tatsache, dass er mit seiner Familie nach Norwegen ausgewandert ist oder mit 57 noch einmal eine völlig neue berufliche Herausforderung angenommen hat.
Es ist vielmehr seine Einstellung dahinter.
Wir sprechen im Business ständig über Wachstum, Weiterentwicklung, neue Strategien und darüber, unsere Komfortzone zu verlassen. Aber wie oft setzen wir das eigentlich selbst konsequent um?
Dirk zeigt, dass jahrzehntelange Erfahrung kein Grund sein muss, auf neuen Wegen stehen zu bleiben. Im Gegenteil: Sie kann uns die Sicherheit geben, immer wieder etwas Neues zu wagen.
Besonders hängen geblieben sind bei mir drei Gedanken: Veränderungen müssen nicht immer aus Unzufriedenheit entstehen. Erfahrung ist wertvoll, darf uns aber nicht daran hindern, Neues wahrzunehmen. Und Erfolg bedeutet nicht zwangsläufig, immer noch mehr erreichen zu müssen.
Ich finde, das sind Gedanken, die wir sowohl beruflich als auch privat ruhig öfter hinterfragen sollten.
Lieber Dirk, vielen Dank für Deine Offenheit, unseren jahrelangen Austausch und dafür, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst. Ich bin gespannt, wie Deine Geschichte in Norwegen weitergeht!
Und jetzt interessiert mich Eure Meinung:
Wann habt Ihr zuletzt etwas komplett Neues gewagt – obwohl Ihr eigentlich auch einfach hättet weitermachen können wie bisher?